Wieder laufen lernen mit "Locomotion"

30. August 2016

Issum. Nach einem Motor­rad­un­fall muss das rechte Bein von Chris­tian Werth­manns aus Gel­dern ampu­tiert wer­den. Sein Ziel: wie­der nor­mal lau­fen. Dabei hilft ihm das neue Gerät in Issum. Neue Hoff­nung auch für Gelähmte und Senio­ren.

Ein Bericht von Antje See­mann (RP-Online, 30.08.2016)

Wie eine Wun­der­ma­schine sieht die "Loco­mo­tion" im Issu­mer Wohl­fühl­haus nicht gerade aus: Ein Lauf­band, dar­über pen­delt eine Art Brust­gurt als Auf­hän­gung für die Pati­en­ten. Einer, der hier im Moment regel­mä­ßig dran trai­niert, ist Chris­tian Werth­manns aus Gel­dern. Lau­fen abseits der "Loco­mo­tion" kommt noch nicht in Frage. Wenn er aber auf dem Lauf­band geht, denkt man nicht, dass er seit Mona­ten eigent­lich auf den Roll­stuhl ange­wie­sen ist. Die Bewe­gun­gen schei­nen leicht und rou­ti­niert. Seine The­ra­peu­tin hilft ab und zu und kor­ri­giert, dass die Hüfte gerade kommt. Nach 22 Minu­ten ist die Sit­zung vor­bei. "Gute Arbeit", lobt sie.

Die Pro­these an sei­nem rech­ten Bein hat Werth­manns seit Mai die­ses Jah­res. Wochen vor­her musste sein rech­ter Unter­schen­kel samt Knie ampu­tiert wer­den. Bei einem Motor­rad­un­fall im Dezem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res ver­letzte sich der Gel­der­ner schwer. "In einer Links­kurve bin ich gestürtzt und gegen einen Baum geprallt. Wie das pas­siert ist, weiß ich nicht", erzählt Werth­manns. Ein kom­pli­zier­ter Trüm­mer­bruch im lin­ken Bein, eine gebro­chene Hüfte und die Ver­let­zung im rech­ten Bein.

Zwölf Tage musste er auf der Inten­siv­sta­tion in der Kli­nik blei­ben. "Das rechte Bein woll­ten die Ärzte erst noch ret­ten. Da war dann aber eine Art Blut­ver­gif­tung drin und dann haben die das am 4. Januar abge­nom­men", erin­nert der 38-jährige Gel­der­ner sich.

Ohne die "Loco­mo­tion" könnte Werth­manns das Gehen noch nicht üben. Sein Kör­per­ge­wicht wäre zu viel für seine Beine. "Der Arzt im Kran­ken­haus hat ihm gesagt, dass die in Issum ein Gerät haben, an dem ich trai­nie­ren kann. Das wollte ich aus­pro­bie­ren, und das war genau das Rich­tige", sagt der 38-Jährige.

Die Idee dabei ist eigent­lich ganz leicht: Die "Loco­mo­tion" ver­rin­gert das Kör­per­ge­wicht des Pati­en­ten auf dem Lauf­band, von Voll­ent­las­tung geht's dann lang­sam hin zur Voll­be­las­tung. Aktu­ell trai­niert Wert­manns mit 52 Kilo Kör­per­ge­wicht — 20 Kilo trägt die Maschine. Werth­manns: "Der Arzt guckt natür­lich nach den Brü­chen, was ich an Belas­tung machen darf. "

Drei Mal die Woche kommt der Gelde­ner nach Issum zum Lauf­trai­ning. "Ich will ja irgend­wann wie­der nor­mal lau­fen kön­nen. Und das ist auf jeden Fall bes­ser als zu lie­gen oder erst viel spä­ter wie­der anzu­fan­gen ohne Loco­mo­tion." Aller­dings habe sich Werth­manns erst ein­mal wie­der ans Lau­fen gewöh­nen müs­sen: "Zwei Monate habe ich mein lin­kes Bein gar nicht bewegt und dann nor­male Kran­ken­gym­nas­tik gemacht. Jetzt mit der Pro­these ist das vom Gang her anders, von der Belas­tung her. Das war anfangs gewöh­nungs­be­dürf­tig, aber jetzt ist das normal."

Roland Borg­mann vom Wohl­fühl­haus ist über­zeugt von der "Loco­mo­tion": "Wenn Chris­tian gut trai­niert, ist das Lau­fen fast nicht zu unter­schei­den zu vor­her." Für viele Pati­en­ten sei das Gerät ein­fach opti­mal. "Ohne ist das deut­lich schwie­ri­ger. Durch die Loco­mo­tion hat man eine bes­sere Füh­rung. Der The­ra­peut kann den Fuß füh­ren, die Hüfte gerade machen. Nach einer Ampu­ta­tion ist das ganze Mus­kel­kor­sett aus dem Gleich­ge­wicht. Die neuen Bewe­gungs­mus­ter muss man erst mal üben." Ein­satz­be­rei­che sind eben Unfall­pa­ti­en­ten wie Werthmanns.

Das Lau­fen in der "Loco­mo­tion" helfe, Throm­bo­sen vor­zu­beu­gen, den Bewe­gungs­ab­lauf zu üben und das Herz-Kreislauf-System zu akti­vie­ren, aber auch Senio­ren, die sich nicht mehr rich­tig auf­rich­ten kön­nen, weil sie so ihre Rumpf­mus­ku­la­tur trai­nie­ren. Und auch Men­schen mit Adi­po­si­tas, denen durch ihr zu gro­ßes Kör­per­ge­wicht das Lau­fen schwer­fällt, hilft das Gerät. Borg­mann: "Durch die Ent­las­tung kön­nen sie mal wie­der Stre­cke machen."

Sechs Pati­en­ten trai­nie­ren aktu­ell an der "Loco­mo­tion" in dem Issu­mer Wohl­fühl­haus. Einer von ihnen ist quer­schnitt­ge­lähmt, auch er übt auf dem Gerät lau­fen, erzählt Borg­mann: "Bei einem inkom­plet­ten Quer­schnitt gibt es so Hoff­nung, dass man wie­der lau­fen kann. Das Gehirn hat Mus­ter, wie Bewe­gun­gen ablau­fen und das Gerät gibt dem Gehirn diese Bewe­gungs­mus­ter. Außer­dem ist es für den Pati­en­ten auch ein­fach ein schö­nes Gefühl, wie­der zu lau­fen — wenn auch nur auf dem Lauf­band. Aber kei­ner kann sagen, wie lange das dauert."

Für Chris­ti­ans Werth­manns hin­ge­gen gibt es schon ein gro­bes Ziel: "Weih­nach­ten will ich wie­der lau­fen können."

Den Link zum Bericht der Rhei­ni­schen Post fin­den Sie hier.

Quelle: RP-online, 30.08.2016 / Foto: Sey­bert, Gerhard

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